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Gastro lebt von Menschen, die zusammenkommen

Johannes W. Hofmann vom Bayerischen Hotel- und Gaststättenverband (DEHOGA Bayern) zu den Auswirkungen der Corona-Krise auf die Branche und warum der Tourismus in Zukunft auf Nachhaltigkeit setzen muss.

 

Wie erleben Sie die derzeitige Situation?

Johannes Hofmann: An eine ähnliche Situation kann ich mich überhaupt nicht erinnern. Dass die ganze Welt von einem Virus getroffen wird, der sich wellenartig über alle Länder zieht, bleibt hoffentlich eine einmalige Sache. Die Regierungen in Europa hatten den Vorteil zu sehen, wie er sich in Asien ausbreitet. Nicht alle haben so gut reagiert wie wir, allerdings führt uns diese Krise vor Augen, dass wir medizinisch überhaupt nicht auf so etwas vorbereitet waren.

 

Wie geht es der Hotellerie und der Gastronomie im BGL?

Johannes Hofmann: Für meine Branche ist die Corona-Pandemie eine absolute Katastrophe, weil sie einfach von Menschen lebt, die aufeinandertreffen, die gemeinsam feiern, in den Urlaub fahren, Tagungen haben und so weiter. Die Buchungen sind auf null zurückgegangen, es fehlt jegliche Zukunftsperspektive.

 

Trifft es alle gleich?

Johannes Hofmann: Ich stehe in Kontakt zu den 240 Mitgliedern, die im Berchtesgadener Land in unserem Verband organisiert sind. Einige Großbetriebe, vor allem die, die es schon länger gibt oder die zu einem Konzern gehören, kommen mit der Situation fürs Erste klar, die haben sofort reagiert und staatliche Hilfen abgerufen. Aber wir haben im Landkreis eben auch Übernachtungsbetriebe, die nicht mal über eine Emailadresse verfügen, weil sie bis jetzt alles übers Telefon gemacht haben. Ihnen können wir unsere Informationen nicht schnell und digital zukommen lassen und der Postweg dauert einfach viel zu lange. Außerdem kann das unser Verband personell gar nicht stemmen.

 

Wurde die Digitalisierung verschlafen?

Johannes Hofmann: Gerade ältere Personen, die einen Beherbergungsbetrieb haben, mit viel Stammgästepublikum und einer kleinen Bettenstruktur, haben dieses Medium bis jetzt leider oft überhaupt nicht angerührt. Weil sie auch so eine gute Belegung hatten. Die jüngere Generation ist da natürlich ganz anders aufgestellt.

 

Werden die Betriebe im Berchtesgadener Land alle durchkommen?

Johannes Hofmann: Nein, werden sie nicht. Da sehe ich sehr schwarz, besonders für die Gastronomie, die viel personalintensiver ist. Die werden Federn lassen. Vor allem Betriebe, die in den letzten drei Jahren eröffnet und logischerweise noch keine positiven Bilanzen vorlegen können, haben Schwierigkeiten bei ihren Hausbanken Kredite zu bekommen. Es gibt Schulden, das Betriebskapital ist noch entsprechend dünn. Da nützt es auch nichts, das Personal freizustellen, es sind oft noch andere Kredite am Laufen, es gibt Unterhaltungskosten, Versicherungskosten und so weiter und von irgendwas müssen die Unternehmer ja auch noch selbst leben. Diese Schicksale gehen einem wirklich nahe.

 

Was ist mit Versicherungen? Zahlen die in so einem Fall nicht?

Johannes Hofmann: Das ist neben den ausgefallenen Umsätzen derzeit das zweitgrößte Problem: Bei einigen Versicherern scheitert die Auszahlung daran, dass in ihren Policen das Virus namentlich nicht aufgeführt ist. So was kann doch nicht sein. Und die Verhandlung mit der bayerischen Staatsregierung, die nun darauf hinausläuft, dass diese Versicherungen kulanterweise 15 Prozent zahlen, ist ein Hohn, das ist eine bodenlose Frechheit. Ich weiß nicht was in diesen Menschen vorgeht, die das akzeptieren. Ich tue das nicht, das ist unmöglich und ich bin wirklich sauer. Da wird das letzte Wort noch nicht gesprochen sein.

 

Johannes W.Hofmann

"Es fehlt immer noch der korrekte Stellenwert unserer Branche in der Gesellschaft" 

 

Haben Sie damit gerechnet, dass zumindest die Gastronomie in dieser beziehungsweise in der übernächsten Woche wieder hätte öffnen dürfen?

Johannes Hofmann: Ich hatte den Vorschlag, dass gerade jetzt im Frühjahr, wo viel Gastronomie im Freien stattfindet, es doch Wege geben muss, entsprechende Vorgaben einzuhalten, dass man die Biertische beispielsweise weiter auseinanderstellt. Was ich mir nicht vorstellen kann ist, dass Stimmung aufkommt, wenn das Personal Mundschutz trägt während es die Bestellungen aufnimmt. Da kann ich jeden Gast verstehen, der dann lieber gleich zu Hause bleibt. Gute Gespräche und Geselligkeit gehören bei der Gastronomie einfach auch dazu. Wenn irgendwann alles wieder losgeht, wird ein anderes Problem auftauchen, weil viele Arbeitskräfte aus dem Ausland gar nicht einreisen dürfen.

 

Wird es einen Tourismus wie wir ihn kennen, heuer überhaupt wiedergeben? Verreisen die Menschen unter strengen Vorgaben überhaupt noch?

Johannes Hofmann: Na ja, man stelle sich eine Reisegruppe von 50 Personen vor, die kommt an den Königssee und aufgrund der Bestimmungen dürfen im Boot nur 25 mitfahren und nur wenn sie Mundschutz tragen. Oder in den Bergbahnen dürfen nur eine Handvoll Gäste transportiert werden. Oder Busfahrten auf den Kehlstein gehen nur mit halber Besetzung, das geht an die finanziellen Grenzen, denn der Personalaufwand bleibt für die Anbieter ja gleich. Da muss man sich schnell Gedanken machen, wie man das handeln will.

 

Wenn Auslandsreisen heuer tatsächlich nicht möglich sein werden, ist das dann nicht positiv für das Berchtesgadener Land?

Johannes Hofmann: Wenn man sich vorstellt, dass während der Sommermonate normalerweise rund 5,5 Millionen Deutsche ständig im Ausland im Urlaub sind, da hätten wir gar nicht die Kapazitäten, da kommen ganz andere Probleme auf uns zu. Deutschland ist Weltmeister im Reisen und das große Industrie und Exportland. Unser Tourismus beschränkt sich zum Großteil auf die Küste, die Flusslandschaften, die Alpen und den Städtetourismus. So werden wir auch wahrgenommen. Es fehlt immer noch der korrekte Stellenwert unserer Branche in der Gesellschaft. Außerdem wäre es schlimm für die Hotellerie in den Ländern wie Österreich, Italien, Kroatien. Die sind auf uns angewiesen und in gewisser Weise hängt ja die ganze Wirtschaft zusammen. Wenn der Italiener kein Geld verdient, wird er auch keinen Audi kaufen und so weiter.

 

Was könnte der Branche helfen?

Johannes Hofmann: Auf lange Sicht ein ermäßigter Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent für die Gastronomie [Anm. d. R.: Die Mehrwertsteuer für Speisen wird laut Beschluss ab dem 1. Juli befristet bis zum 30. Juni 2021 auf den ermäßigten Steuersatz von 7 Prozent auch auf Druck des DEHOGA hin gesenkt]. Von den Hotels wissen wir, dass die Investitionen dadurch mehr gebracht haben, als die Ausgaben des Staates wiegen, sie sind sogar doppelt wieder eingespielt worden. Es wäre ein Hoffnungsschimmer für die Betriebe.

 

Kann die Krise genutzt werden, um sich neu aufzustellen und zu positionieren? Wenn ja, wie?

Johannes Hofmann: Die Menschen sind sensibler geworden, das liegt auch an der Diskussion um den Klimawandel. Wir leben in mitten einer noch fast intakten Natur mit dem Nationalpark Berchtesgaden und der Biosphärenregion. Das Berchtesgadener Land ist prädestiniert für die Schiene „sanfter Tourismus“. Angebote können entsprechend geschürt werden und Hotels, die sich darauf spezialisieren, werden nicht länger belächelt. Wenn alle im Landkreis mitmachen, profitieren sie und zwar in jeglicher Hinsicht. Nachhaltiges Wirtschaften im Sinne von Regionalität sind die logische Reaktion auf die jetzt vorhandene Krise und beendet hoffentlich den Wahnsinn des internationalen Lebensmittelhandels.

 

Was braucht die Branche in Zukunft ganz dringend?

Johannes Hofmann: Es wäre schön, wenn der Gast künftig das Essen auf dem Teller wieder mehr wertschätzen würde. Es braucht Respekt vor dieser Branche, Köche sind Meister und Künstler in einem. Erzeuger von Lebensmitteln werden überall gedrückt, Hauptsache alles ist billig, das ist schon ein spezielles deutsches Phänomen. Auf der anderen Seite darf es natürlich keine Dumpingpreise und keinen Billigtourismus geben. Der Preiskampf untereinander muss der Vergangenheit angehören. Preise sollten moderat erhöht werden genauso wie die Leistung und damit meine ich nicht nur materielles sondern auch den Umgang mit Personal.

 

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